Die weiße Dame
Seit vielen Jahren hängt ein Porträt einer unbekannten Frau im eleganten Speisesaal von Kragerup Gods. Generation um Generation hat die Familie das Gemälde betrachtet, ohne die Identität der Frau zu kennen. Stattdessen hielt sich die Erzählung, dass sie die „weiße Dame“ sei – ein freundlicher Geist, der gemeinsam mit den Eulen von Kragerup Gods über das Anwesen und die Familie wachte.
Birgitte Dinesen, 8. Generation der Familie Dinesen in Kragerup, wuchs mit dieser Geschichte auf:
“Das ist Gertrude, der Geist unseres Hauses. Sie kommt jede Nacht in den Park geritten, wenn die Turmuhr 12 schlägt. Aber das ist nur eine Geschichte. Jedes Schloss und jedes Anwesen hat eine Geschichte über eine weiße Dame. Das Porträt ist nicht identifizierbar, deshalb nennen wir sie Gertrud – unser Hausgeist.”
Die Geschichte der Weißen Dame war ein natürlicher Teil des Lebens in Kragerup. Als Kind lernte Birgitte, dass die vielen Menschen, die im Laufe der Jahrhunderte auf dem Anwesen gelebt hatten, immer noch Teil des Ortes waren:
“Als ich klein war und allein zu Hause war, sagte meine Mutter immer: Hab keine Angst, denn du bist nie allein. Es haben so viele Menschen in diesem Haus gelebt, die so glücklich waren, hier zu sein. Wir können sie zwar auf dem Ørslev-Friedhof begraben, aber sie kommen immer nach Hause und kümmern sich um Sie.”
Das Rätsel ist gelöst
Viele Jahre lang blieb die Frau auf dem Porträt ein Rätsel. Erst im Jahr 2025 wurde das Rätsel gelöst, als die Kuratorin des Nationalmuseums Kragerup besuchte. Sie erkannte die Frau auf dem Gemälde und stellte fest, dass die weiße Dame gar nicht Gertrud war. Die Frau war Christine Andreasdatter Fogh.
Geboren und aufgewachsen in Kragerup
Christine Andreasdatter Fogh wurde um 1727 in Kragerup geboren und verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens auf dem Gut. Zusammen mit ihren Geschwistern übernahm sie 1764 Kragerup und war von 1794 bis 1797 die alleinige Besitzerin des Gutes. Als unverheiratete Frau und Gutsbesitzerin im 18. Jahrhundert war sie eine ungewöhnliche Persönlichkeit mit Verantwortung für Land, Gebäude und Menschen.
Die Frau hinter dem neuen Hauptgebäude
1797 verkaufte Christine Fogh Kragerup an den Kämmerer Peder Lauritsen Bech, aber sie verließ ihr Haus nie. In der Urkunde wurde festgehalten, dass sie und ihr Dienstmädchen Dorthe Catrine Schiødt für den Rest ihres Lebens auf dem Anwesen leben konnten.
Als Jens Kraft Dinesen 1801 Kragerup kaufte, übernahm er auch die Verantwortung für die beiden Frauen. Als er später beschloss, das alte Hauptgebäude abzureißen und das heute noch stehende Hauptgebäude zu errichten, gerieten die Finanzen unter Druck. Christine Fogh sprang ein und gewährte ein Darlehen von 70.000 Rigsdaler gegen eine Hypothek auf Kragerup. Im Gegenzug wurde sichergestellt, dass sie und ihr Dienstmädchen bis an ihr Lebensende auf dem Anwesen bleiben konnten.
Christine Fogh lebte mindestens 77 Jahre lang in Kragerup und erlebte sowohl das alte Anwesen als auch den Bau des neuen.
Mehr als ein Mythos
Christine Fogh war nicht nur eine ruhige Figur in einem Porträt. Die Quellen berichten von einer willensstarken Gutsbesitzerin, die immer wieder in Konflikte und Rechtsstreitigkeiten mit Bauern und Angestellten verwickelt war. Sie war eine markante Persönlichkeit, die Kragerup zu einer Zeit prägte, als nur wenige Frauen einen ähnlichen Einfluss hatten.
Kragerup’s weiße Dame
Heute hängt das Porträt immer noch im Speisesaal von Kragerup. Wo die Leute früher eine unbekannte Frau sahen und Geschichten über die weiße Dame erzählten, wissen wir heute, dass das Gemälde Christine Andreasdatter Fogh abbildet.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Geschichte über Generationen hinweg weiterlebt. Denn wenn jemand über Kragerup wachen sollte, dann ist es die Frau, die auf dem Anwesen geboren wurde, es besaß und nie wirklich verlassen hat.